EinleitungDavid Raitt, ESA |
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Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat jüngst eine Studie anfertigen mit dem Titel "Innovative Technologien aus der Science-fiction" (ITSF) lassen. Sie ließ sich dabei von dem Gedanken leiten, dass in der Science-fiction-Literatur innovative Technologiekonzepte zu finden sind, die sich mit heutiger oder demnächst zur Reife gelangender Technologie verwirklichen lassen. Hauptziel der Studie war, aktuelle und ältere Science-fiction-Literatur, -Illustrationen und -Filme zu durchforsten, um darin beschriebene innovative Technologien und Konzepte auszumachen und zu bewerten, die sich vielleicht für weltraumtechnische Anwendungen weiterentwickeln lassen. Auch hoffte man, dabei Einfalle und Anregungen für potentielle langfristige Forschungs- und Entwicklungsarbeiten der europäischen Raumfahrt zu gewinnen, mit deren Hilfe sich der Trend der künftigen Weltraumtechnologien und ihrer Auswirkungen voraussagen ließe.
Die Science-fiction-Literatur, -Illustrationen und -Filme enthalten viele Beschreibungen von Weltraumtechnologien und -Systemen, die häufig auf reiner Fantasie beruhen, manchmal aber auch der Wirklichkeit recht nahe kommen. Frühe Science-fiction-Autoren, -Künstler und -Illustratoren haben Raumfahrtkonzepte und Raumfahrzeuge mit dem begrenzten Wissen ihrer Zeit beschrieben, während modernere Schriftsteller und Künstler sich in ihren Schilderungen und Darstellungen zuweilen auf tatsächlich genutzte Raumflugsysteme stützen. Dieser Kunstgriff gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Ideen zum Durchbruch zu verhelfen, was förmliche wissenschaftliche Bewertungsverfahren vielleicht nicht vermöchten. Neue Ideen spielen zweifellos eine wichtige Rolle in Wissenschaft und Technik, auch wenn sie sich nicht sofort umsetzen lassen; und so haben Schriftsteller Satelliten und Raumflüge lange vorhergesagt, bevor sie möglich wurden. Der Mensch hat jahrhundertelang von der Reise zum Mond geträumt und nach Mitteln und Wegen gesucht, dorthin zu gelangen (man denke an Cyrano de Bergerac, Mitte des 17. Jahrhunderts), doch erst in jüngster Zeit standen Technologien und Infrastrukturen zur Verfügung, um diesen Traum zu verwirklichen. Es sollte daher möglich sein, in der SF einige neue Ideen ausfindig zu machen, die Forscher und Techniker davon überzeugen können, dass es sich lohnt, der Fantasie ernsthaft nachzugehen. Man braucht nur einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, wo von Jules Verne, Arthur C. Clarke und vielen anderen beschriebene Konzepte in weiterer Folge entwickelt oder wiederentdeckt wurden. Obwohl manche Literaturprodukte der Vergangenheit in vielen Bereichen völlig abwegig waren, so sind doch einige der gemachten Vorhersagen in Erfüllung gegangen und nicht wenige der von SF-Autoren erdachten Systeme später erfolgreich entwickelt worden. Als Beispiel lassen sich der Ultrahochgeschwindigkeits-Projektilwerfer(1865), Bremsraketen (1869), planetare Landegeräte (1928), Raketenleitwerke zur Verbesserung der aerodynamischen Stabilität (1929), vertikale Montagegebäude (1929), Startraketenbündel (1929), Raumanzüge und Sicherheitsleinen für Außenbordeinsätze (1929), der Bau ständig bemannter orbitaler Raumstationen, die zwecks Versorgung regelmäßig angeflogen werden (1945), Fernmeldesatelliten auf der geosynchronen Umlaufbahn (1945), Sonnen- und Lichtsegel (1920,1951,1963), Mehrkomponenten-Treibstofftanks (1954), stromlinienförmige Mannschaftsmodule für den Eintritt in die Erdatmosphäre (1954), und vieles andere mehr anführen.
Bei jeder Diskussion über die künftige Entwicklung der Technik ist es schwierig, genau vorherzusagen, ob und wann ein Technologiekonzept aufgegriffen und umgesetzt wird. In zahlreichen Fällen hat es viele Jahre gedauert, bis sich ein Konzept durchsetzte. Auch von unseren heutigen Technologien waren viele vor 100 oder gar 50 Jahren noch undenkbar. Daher dürfen Schriftsteller und Künstler ihre Ideen und Träume zu Papier bringen, ohne dass diese sofort von Laien, Ingenieuren oder Wissenschaftlern als Phantasterei abgetan werden, welche dann aber zu guter Letzt vielleicht doch die scheinbar phantastischen Erfindungen Realität werden lassen. Science-fiction kann also zur Förderung von Überlegungen und Erkenntnissen dienen, die sich vielleicht einmal in ein realistisches Szenario umsetzen lassen und schließlich zur Entwicklung innovativer Technologien führen, die den gegenwärtigen in der Raumfahrt eingesetzten Techniken und Systemen überlegen sind. Hugo Gernsback, der 1926 das Magazin "Amazing Stories" gründete, hat Science-fiction als nützlich für die gesellschaftliche Entwicklung bezeichnet, gerade weil sie Forschung und Entdeckung fördere. Anderer seits verspüren wir in uns auch den Drang, Technologien um ihrer selbst oder um des Forschens willen zu entwickeln. Erfinder entdecken häufig Dinge oder denken sich Konzepte aus, die außerhalb eines begrenzten spezifischen Bereichs keine unmittelbare oder augenfällige Nutzanwendung finden, und es bedarf dann der Fantasie eines anderen, um solche Erfindungen anderswo nutzbringend umzusetzen. So verhält es ja auch mit den Nutzeffekten der Weltraumtechnologien und der Frage, warum es zuweilen so lange dauert, bis Konzepte oder Technologien Marktreife erlangen.
Aber dies wird Erfinder oder Träumer nicht davon abhalten, von Neuerungen Die Studie über innovative Technologien aus der Science-fiction für die weltraumtechnischen Anwendungen ist für die ESA etwas ganz Neues und könnte bedeutende Auswirkungen auf die Nutzung bestehender und die Entwicklung künftiger Technologien haben. Sie ist eine über die Grenzen von Wissenschaft und Technik hinausgehende tiefschürfende Suche nach originellen Konzepten, die für die Langzeitprogramme der ESA in Betracht gezogen und in den kommenden Jahrzehnten weiterentwickelt werden könnten. Vom möglichen Beitrag zum technologischen Fortschritt der Raumfahrt einmal abgesehen, sollte die Untersuchung, Beschreibung und Bewertung von technologischen Konzepten für die Science-fiction-Autoren weltweit als Anregung dienen und dem einen oder anderen neue Ideen und Perspektiven liefern. Forscher und Pioniere hat es zu allen Zeiten und nicht nur unter den Menschen gegeben. Angefangen von den nach neuen Weidegründen suchenden Tieren, dem vorgeschichtlichen Menschen, der in seinem Streben nach neuem Lebensraum Meere überwunden hat, bis zum Menschen der Moderne, den Abenteuerlust Ozeane und Kontinente durchqueren ließ. Wo w ären wir ohne die großen Entdecker der Vergangenheit? Wir haben in uns den Drang, Neues zu erforschen - vor allem die winzigen Lichtpunkte der Sterne am Nachthimmel haben es uns angetan, ganz einfach weil sie da sind und weil wir wissbegierig sind. Dazu benötigen wir aber neuartige oder verbesserte Technologien. Um unseren Forschungsdrang zu befriedigen, werden wir dazu notwendige Technologien entwickeln, sobald andere ebenfalls benötigte technische Geräte und Werkstoffe verfügbar und erschwinglich geworden sind. Dies mag Jahre oder Jahrzehnte dauern, aber ein Blick auf die Ideen und Konzepte aus der Vergangenheit, die, weil sie nicht im Brennpunkt von Wissenschaft und Technik stehen, vielleicht übersehen oder vergessen wurden, lohnt sich auf jeden Fall und kann uns wertvolle Anregungen geben. | Inhaltsverzeichnis | Fiktion mit einer Prise Wissenschaft | |
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